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War Robin Hood eine echte Person? Mythos vs. Geschichtswissenschaft

Grüner Umhang, Pfeil und Bogen, ein Wald voller Gesetzloser und ein Kampf gegen einen korrupten Sheriff: Kaum eine mittelalterliche Figur ist so bekannt wie Robin Hood. Doch war er wirklich ein Mensch aus Fleisch und Blut, oder haben wir es mit einer reinen Erfindung zu tun? Die ehrliche Antwort der Forschung lautet: Es ist komplizierter als ein einfaches Ja oder Nein. Werfen wir einen Blick auf das, was Gerichtsakten, Chroniken und Balladen tatsächlich hergeben.

Robin Hood in Kürze

  • Der Name „Robin Hood" taucht erstmals 1226 in den Gerichtsakten der Stadt York auf – als Bezeichnung für einen verurteilten Gesetzlosen.
  • Bis zum Jahr 1300 wurde der Name mindestens acht weiteren Personen zugeschrieben und entwickelte sich so zu einem generischen Beinamen für Geächtete.
  • Die älteste literarische Erwähnung findet sich um 1377 im Gedicht Piers Plowman von William Langland.
  • Einen einzelnen, zweifelsfrei identifizierten „Ur-Robin-Hood" konnte die Forschung bis heute nicht nachweisen.
  • Elemente wie der Adelstitel, Maid Marian und die Verbindung zu Richard Löwenherz entstanden erst Jahrhunderte später durch Theaterstücke und Romane.

Was wissen wir wirklich?

Robin Hood taucht bereits in schottischen Chroniken des frühen 15. Jahrhunderts als angeblich historischer Straßenräuber auf – zu dieser Zeit hielt man ihn ganz selbstverständlich für eine wirkliche Person. Wenn es diese Person tatsächlich gegeben hat, müsste sie allerdings schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt haben. Und genau dort verliert sich die Spur: Es existiert keine Geburtsurkunde, kein eindeutiges Gerichtsprotokoll, kein gesicherter Lebenslauf. Man hat verschiedene Kandidaten aus Gerichtsurkunden und anderen Dokumenten ermittelt, die gewisse Ähnlichkeiten mit der späteren Erzählfigur aufweisen – doch keine dieser Identifikationen gilt als wirklich überzeugend.

Die Mediävistin Dr. Judith Klinger (Universität Potsdam) bringt es auf den Punkt: Robin Hood verbleibt in einem Schwebezustand zwischen Fakten und Fiktionen, der sich beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht auflösen lässt.

Die frühesten Spuren: Vom Volksmund zur Chronik

Die älteste bekannte literarische Erwähnung findet sich nicht in einer Biografie, sondern in einem beiläufigen Verweis: Um 1377 erwähnt William Langland in seiner Dichtung The Vision of Piers Plowman die „rymes of Robin Hood" – Reime über Robin Hood, die zu diesem Zeitpunkt bereits so bekannt waren, dass eine literarische Anspielung ohne weitere Erklärung funktionierte. Das bedeutet: Die eigentliche Legende muss zu diesem Zeitpunkt schon deutlich älter gewesen sein als ihre erste schriftliche Spur.

Konkret wird es erstmals in der schottischen Chronik Orygynale Cronykil des Andrew of Wyntoun, die um 1420 entstand: Sie platziert Robin Hood und Little John unter dem Jahr 1283 als Gesetzlose in den Wäldern von Barnsdale und Inglewood. Rund zwei Jahrzehnte später geht der Chronist Walter Bower in seiner Fortsetzung von John Forduns Chronik (Scotichronicon, verfasst 1440–1447) noch weiter: Unter dem Jahr 1266 beschreibt er einen „Robert Hood" als famosus sicarius, einen berüchtigten Mörder beziehungsweise Gesetzlosen, und ordnet ihn den Anhängern Simon de Montforts zu – jenen „Enterbten", die nach dessen Niederlage gegen König Heinrich III. 1265 selbst zu Geächteten wurden. Bower vermerkt zugleich säuerlich, das „törichte Volk" feiere diesen Mann übertrieben gern in Tragödien und Komödien – ein früher Beleg dafür, wie populär Robin-Hood-Geschichten zu seiner Zeit bereits waren.

Zwischen der mündlichen Überlieferung im 13. Jahrhundert und diesen chronikalischen Einordnungen im 15. Jahrhundert liegt somit eine lange Phase, in der die Geschichten offenbar nur mündlich weitergegeben wurden – wie es für das Mittelalter ganz allgemein typisch ist.

Die Gerichtsakten: Ein Name wird zum Decknamen

Die frühesten belastbaren Dokumente sind keine Geschichten, sondern nüchterne Verwaltungsakten. In den Assize Rolls von York aus dem Jahr 1226 taucht ein gewisser Robert Hod auf: Sein Besitz im Wert von 32 Shilling und 6 Pence wurde konfisziert, er selbst zum Gesetzlosen (Outlaw) erklärt, weil er St. Peter's in York Geld schuldete. Im Jahr darauf wird er in den Unterlagen als „Hobbehod" geführt – vermutlich dieselbe Person, die in neun aufeinanderfolgenden Yorkshire Pipe Rolls zwischen 1226 und 1234 erscheint.

Auffällig ist aber vor allem ein anderer Befund: In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts lässt sich ein sprunghafter Anstieg von Beinamen wie „Robynhood" nachweisen. Bis zum Jahr 1300 wurden mindestens acht verschiedene Personen so genannt, mindestens fünf davon waren selbst Gesetzesbrecher. Das deutet stark darauf hin, dass „Robin Hood" schon damals kein individueller Eigenname mehr war, sondern eine Art Sammelbegriff oder Spitzname für Gesetzlose wurde – ein klares Anzeichen dafür, dass Geschichten über einen Outlaw dieses Namens bereits weit verbreitet und beliebt waren, mit einem vermuteten Ursprung vor 1250.

Der Kandidat aus Wakefield

Mittelalterliche Darstellung des Earl of Lancaster, mögliches Vorbild für Robin Hood

Ein besonders hartnäckiger Kandidat wurde vom Antiquar Joseph Hunter ins Spiel gebracht: ein Robert Hood aus der Gegend von Wakefield, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts gelebt haben soll. Hunter vermutete, dieser sei Anhänger des rebellischen Earl of Lancaster gewesen, der 1322 in der Schlacht von Boroughbridge von König Edward II. besiegt wurde. Nach Hunters Theorie sei der Rebell begnadigt und anschließend als Leibwächter am Hof beschäftigt worden – ein „Robyn Hode" erscheint tatsächlich in den Haushaltsrechnungen Edwards II. der Jahre 1323/24 als Kammerdiener (Porter).

Die spätere Forschung, allen voran der Historiker J. C. Holt, konnte diese hübsche Geschichte jedoch nicht bestätigen: Der als Porter beschäftigte „Robyn Hode" stand nachweislich schon vor dem Besuch des Königs in der fraglichen Region in dessen Diensten. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Robert und Robyn tatsächlich dieselbe Person waren, dass einer von beiden Rebell gewesen ist oder dass sie je als Gesetzlose lebten. Die Theorie gilt in der Forschung heute als widerlegt beziehungsweise als nicht haltbar.

Historischer Kandidat Quelle / Zeitraum Bewertung durch die Forschung
Robert Hod / Hobbehod (York) Assize Rolls & Pipe Rolls, 1226–1234 Einziger früher „Robin Hood", der nachweislich Gesetzloser war – aber kein Beleg für Räuberei
„Robyn Hode", Porter am Hof Edwards II. Haushaltsrechnungen, 1323/24 Von Joseph Hunter vorgeschlagen; von J. C. Holt widerlegt
Mind. 8 weitere Namensträger Diverse Gerichtsakten bis 1300 Zeigen, dass der Name zum generischen Beinamen für Gesetzlose wurde
Roger Godberd (Leicestershire) Outlaw nach 1265, Anhänger Simon de Montforts Auffällige Detailparallelen (Schutz durch Ritter, Kerkerflucht); von David Baldwin vorgeschlagen, aber ohne Namensbeleg
Fulk FitzWarin (Shropshire) Anglonormannische Versromanze, frühes 14. Jh. Motivisch sehr ähnlich, aber rund ein Jahrhundert älter als die ältesten Robin-Hood-Balladen

Weitere Kandidaten: Ein Rebell aus Leicestershire und ein Verbannter aus Shropshire

Neben dem Wakefield-Kandidaten haben Historiker weitere reale Gesetzlose ins Spiel gebracht, deren Biografien auffällige Parallelen zur Legende aufweisen. Der Historiker David Baldwin schlug den Gesetzlosen Roger Godberd aus Leicestershire vor: Godberd kämpfte auf der Seite Simon de Montforts, wurde nach dessen Niederlage bei Evesham 1265 selbst zum Outlaw erklärt und operierte anschließend Berichten zufolge auch im Sherwood Forest. Bemerkenswert sind die Parallelen im Detail: Ein örtlicher Ritter namens Richard Foliot gewährte ihm Schutz vor dem Sheriff, ganz ähnlich wie der Ritter Sir Richard at the Lee in der Gest Robin beisteht. 1271 wurde Godberd im Wald gefangen genommen, saß mehrere Jahre in Haft und wurde erst nach der Rückkehr Edwards I. von seinem Kreuzzug begnadigt. Allerdings gibt es keinen Beleg dafür, dass Godberd je „Robin Hood" genannt wurde, und die frühen Balladen erwähnen nichts von den konkreten politischen Anliegen des Montfort-Aufstands – die Theorie bleibt daher Spekulation.

Ein weiterer, älterer Parallelfall ist Fulk FitzWarin, ein Adliger aus Whittington Castle in Shropshire, dessen Geschichte in einer altfranzösischen Versromanze (Fouke le Fitz Waryn, überliefert im frühen 14. Jahrhundert) erzählt wird. Fulk, so die Erzählung, wuchs am Hof Heinrichs II. gemeinsam mit dem späteren König Johann Ohneland auf, geriet mit ihm über eine Kindheitsstreitigkeit in Feindschaft und wurde später enterbt – woraufhin er mit Gefährten in den Wald zog und zum Gesetzlosen wurde. Die Handlung weist zahlreiche Übereinstimmungen mit späteren Robin-Hood-Motiven auf, dürfte aber eher ein gemeinsames erzählerisches Grundmuster als eine direkte Vorlage sein: Auch Fulks Geschichte spielt gut ein Jahrhundert vor den ältesten erhaltenen Robin-Hood-Balladen.

Barnsdale statt Sherwood: Wo alles begann

Wer an Robin Hood denkt, denkt an Sherwood Forest bei Nottingham. Historisch und literaturwissenschaftlich unstrittig ist aber, dass die früheste Überlieferung ihn eigentlich im Wald von Barnsdale in Yorkshire verortet, nicht in Sherwood. Die geografische Zuordnung zum Westbezirk von Yorkshire gilt unter Historikern als weitgehend gesichert, auch weil frühe Robin-Hood-Ortsnamen genau dort auftauchen. Die längere Verserzählung A Gest of Robyn Hode nennt sogar präzise geografische Details, die die Abenteuer der Outlaws mit konkreten Orten verknüpfen. Erst im Lauf der Überlieferung verlagerte sich der Schauplatz zunehmend nach Süden, bis Sherwood und Nottingham die heute bekannte Kulisse wurden.

Die älteste große Erzählung: A Gest of Robyn Hode

Eine der umfangreichsten frühen Quellen ist die Ballade A Gest of Robyn Hode. Sprachlich lässt sie sich auf etwa 1450 datieren, überliefert ist sie allerdings nur in Druckausgaben aus dem frühen 16. Jahrhundert – ein vollständiges Manuskript existiert nicht. Erzählt wird eine Abfolge von Abenteuern rund um Robin Hood, Little John, einen verarmten Ritter namens Sir Richard at the Lee, einen habgierigen Abt sowie den Sheriff von Nottingham als Widersacher. Gegen Ende der Geschichte reist sogar König Edward – ohne nähere Nummerierung, welcher Edward gemeint ist – verkleidet nach Sherwood, um Robin und Sir Richard zu stellen.

Noch etwas älter als die überlieferten Druckausgaben der Gest ist die Ballade Robin Hood and the Monk, die als älteste erhaltene Handschrift der Robin-Hood-Tradition gilt: Sie ist in einer Cambridger Handschrift (Ff.5.48) aus der Zeit um 1450 überliefert. Anders als die spätere, zunehmend geglättete Legende zeigt sie einen deutlich raueren, gewalttätigeren Robin, der in Nottingham in einen Hinterhalt gerät und von Little John gerettet wird. Zusammen mit der Gest und der ähnlich unverblümten Ballade Robin Hood and the Potter gehört sie zu den zentralen Primärquellen, aus denen sich die spätere, geglättete Legende erst nach und nach entwickelte.

Vom Freibauern zum Grafen: Wie der Mythos wuchs

Mittelalterliche Darstellung von Robin Hood als einfacher Yeoman – kein Adliger, sondern ein freier Bauer

Ein zentrales Detail wird in modernen Verfilmungen gerne übergangen: Der frühe Robin Hood ist kein Adliger. Er ist ein Yeoman – ein Freibauer beziehungsweise Angehöriger einer sozialen Schicht zwischen Adel und einfachem Volk. Von einer Adelsherkunft ist in den ältesten Texten schlicht nicht die Rede.

Das änderte sich erst am Ende des 16. Jahrhunderts. Der Dramatiker Anthony Munday machte Robin Hood in zwei einflussreichen Theaterstücken – The Downfall of Robert, Earl of Huntington (1598) und The Death of Robert, Earl of Huntingdon (1601) – erstmals zum vertriebenen Grafen von Huntingdon. Warum ausgerechnet dieser Titel gewählt wurde, ist bis heute nicht abschließend geklärt. In denselben Stücken erscheint auch erstmals Maid Marian in der bis heute bekannten Form: als Matilda, Tochter des Earl of Fitzwalter, die ihrem Geliebten in den Wald folgt und dort den Namen Marian annimmt. Auch Bruder Tuck als feste Figur an Robins Seite geht auf diese Bühnentradition zurück. Diese „Veradelung" des Gesetzlosen setzte sich im 19. Jahrhundert vollends durch und prägt bis heute das populäre Bild.

Den entscheidenden Schub dafür lieferte Sir Walter Scotts Roman Ivanhoe (1819): Scott lässt Robin Hood unter dem Beinamen „Locksley" auftreten und verknüpft ihn darin erstmals fest mit König Richard Löwenherz und dessen Rückkehr aus der Kreuzzugsgefangenschaft. Diese Verbindung ist eine literarische Erfindung des 19. Jahrhunderts, keine mittelalterliche Überlieferung – sie prägt aber bis heute nahezu jede Verfilmung. Auch der Beiname „Locksley" stammt aus Scotts Feder und wurde seither vielfach übernommen.

Wie tief sich die Vorstellung vom adligen Robin Hood eingeprägt hat, zeigt sich sogar an einem vermeintlichen Grabstein in Kirklees Park (West Yorkshire), unweit der Ruinen des ehemaligen Kirklees Priory. Der Chronist Richard Grafton erwähnte 1569 erstmals einen Grabstein mit den Namen „Robert Hood" und „William of Goldesborough". Die heute dort stehende Inschrift – sie nennt ihn „Robert Earl of Huntingdon" – ist jedoch deutlich jünger: Sprachlich und stilistisch datieren Fachleute sie frühestens auf das späte 17., eher auf das 18. Jahrhundert. Auch das auf dem Stein vermerkte Datum, „24. Kalenden des Dezember 1247", existiert im römischen Kalender gar nicht. Der „Grabstein" belegt damit vor allem eines: wie fest sich die spätere Erzählung vom Earl of Huntingdon durchgesetzt hatte – als reale historische Reliquie taugt er nicht.

Die Merry Men: Eine Gemeinschaft ohne festen Anführer

Auch die berühmten „Merry Men" waren ursprünglich keine straff geführte Bande. Ihre Gemeinschaft beruhte darauf, dass sich die Männer freiwillig und als Gleichrangige zusammengetan hatten – eine feste Hierarchie konnte es unter ihnen deshalb kaum geben. Robin Hood ist in den frühen Erzählungen kein unangefochtener Anführer: Seine Gefährten, allen voran Little John, stehen ihm im Bogenschießen kaum nach. Der Zusammenhalt und die Treue zu Robin müssen sich in den Geschichten immer wieder neu beweisen – etwa in Wettkämpfen der Merry Men untereinander, an denen sich dieses Kernproblem ihrer Gemeinschaft ablesen lässt.

Wald und Bogen: Symbole mit anderer ursprünglicher Bedeutung

Mittelalterlicher Bogen und Pfeil – Waffen wie sie Robin Hood verwendet haben soll

Auch die berühmten Bildmotive hatten im Spätmittelalter eine andere Bedeutung als heute. Der Wald ist in den frühen Geschichten kein romantischer Naturraum, sondern Konsequenz einer Verbannung: ein gesetzloser Raum außerhalb von Recht und Gesellschaft, der aber zugleich – nach eigenen Regeln – ein geordneter Lebensraum sein kann. Ohne den Wald ist Robin Hood nicht denkbar: Er ist Kernbestand seiner Identität. Wegen seiner Fähigkeit, mitten in dieser Wildnis eine eigene, konkurrierende Ordnung zu errichten, wurde Robin von Forschenden auch mit der rätselhaften Gestalt des „Grünen Mannes" verglichen, in der sich wucherndes Pflanzenwachstum mit menschlichen Zügen verbindet – eine Figur, von der zugleich Bedrohung und Versprechen ausgehen.

Wenn Robin zum Bogen greift, geht es in den ältesten Erzählungen seltener um Wilderei am königlichen Wild, als man annehmen würde – häufiger dient das Bogenschießen als Wettkampf, in dem Robin unerkannt seine Überlegenheit beweist, etwa beim berühmten Schießwettbewerb des Sheriffs von Nottingham, den Robin maskiert gewinnt. Ernstkämpfe ficht der frühe Robin Hood dagegen fast immer mit dem Schwert aus, dem klassischen Symbol adliger Männlichkeit. Der Bogen steht dagegen für grundsätzlichere Fragen von Identität und Gemeinschaft.

Vom Waldläufer zum Filmhelden: Robin Hood im Kino

Kaum ein Historienstoff wurde so oft verfilmt wie Robin Hood – von Douglas Fairbanks über Errol Flynn bis zu Kevin Costner, Sean Connery und Russell Crowe. Was in all diesen Verfilmungen erhalten bleibt, ist der narrative Kernbestand: die ungerechte Vertreibung in den Wald, der Kampf für Benachteiligte, die Rückkehr des Königs und Robins ethische Überlegenheit – mal akrobatisch-verspielt wie bei Fairbanks, mal lässig-elegant wie bei Flynn, mal naiv-ungestüm wie bei Costner.

Einige Verfilmungen setzen sich dabei bewusst von diesem Mainstream-Bild ab. Richard Lesters Film Robin and Marian (1976) zeigt mit Sean Connery einen gealterten Robin Hood, der an der eigenen Legende scheitert, weil er ihr zu viel Glauben schenkt – geprägt von der Desillusionierung der Post-Vietnam-Ära. Die britische Fernsehserie Robin of Sherwood (1984–1986) von Richard Carpenter geht noch weiter: „Robin Hood" zu sein bedeutet hier, eine Rolle zu spielen, der keine einzelne Person je vollständig gerecht werden kann – weshalb der erste Robin der Serie nach seinem Tod sogar einen Nachfolger bekommt. Gerade wegen ihres kleinformatigen, episodischen Charakters steht diese Serie den frühen Balladen nach Einschätzung von Forschenden inhaltlich näher als große Kinoepen.

Kevin Reynolds' Prince of Thieves (1991) verlagert die sozialrebellische Grundhaltung der Figur stark ins Private – am Ende steht weniger der Freiheitskämpfer als der verantwortungsvolle Familienvater. Ridley Scotts Robin Hood (2010) wiederum bettet die Figur direkt in die Entstehung der Magna Carta von 1215 ein. Diese vollständige Historisierung auf höchster politischer Ebene führt paradoxerweise dazu, dass viele der prägenden Züge der Legende verloren gehen: Der Wald tritt kaum in Erscheinung, die Bande von Gesetzlosen bildet sich erst nach den gezeigten Ereignissen, und die Magna Carta – historisch vor allem ein Instrument zur Absicherung von Adelsprivilegien gegenüber der Krone – wird zum Symbol einer diffusen Demokratiesehnsucht umgedeutet. Insgesamt lässt sich im populären Kino eine Tendenz beobachten, politisch-soziale Bezüge der Geschichte zunehmend zu verwischen.

Vom Gesetzlosen zum Sozialrebellen

Die heute geläufige Vorstellung von Robin Hood als „Rächer der Enterbten", der konsequent von Reich zu Arm umverteilt, ist ebenfalls eine spätere Zuspitzung. Der britische Historiker Eric Hobsbawm prägte Ende der 1960er-Jahre den Begriff des „Sozialbanditen": Gesetzesbrecher, die keiner politischen Ideologie folgen, sondern mit einer widerständigen Lebenspraxis auf als inakzeptabel empfundene gesellschaftliche Verhältnisse reagieren, dabei Schwächen des geltenden Rechts offenlegen und von Benachteiligten als Volkshelden verehrt werden.

Auf den frühen Robin Hood trifft das nur zum Teil zu. Sein „politisches Programm", wenn man es so nennen will, drückt sich vor allem in der eigenen Lebensweise aus: Er definiert sich nicht negativ als Ausgestoßener, sondern positiv als Schöpfer und Verfechter einer eigenen Ordnung. Zugleich ist er kein Held einer bestimmten sozialen Gruppe – einen Gegensatz von Arm und Reich im Sinne eines Klassenkonflikts kennen die frühen Erzählungen nicht. Sie verhandeln Ungerechtigkeit, Habgier und Rechtsbeugung stets am Einzelfall: In der Gest etwa setzt sich Robin für einen verarmten Ritter ein, dem Geistliche mit zweifelhaften Geschäftspraktiken das Land abnehmen wollen; profitorientiertes Stadtbürgertum wird verspottet, ein ehrlicher Handwerker dagegen großzügig entlohnt. Genau in solchen Episoden liegt der Keim der modernen Vorstellung vom „Rächer der Enterbten" – auch wenn die spätere Umdeutung Robins zum königstreuen Adligen, der die bestehenden Machtverhältnisse gar nicht grundsätzlich infrage stellt, dieses ursprünglich radikalere Freiheitsverständnis erheblich abschwächt.

Bis heute wird die Figur politisch vereinnahmt: Die Umweltorganisation Robin Wood beruft sich auf seine Verbundenheit mit dem Wald, um sich für aktiven Naturschutz starkzumachen. Konkreter wurde es 2008 in Baden-Württemberg, als ein Bankangestellter Gelder zugunsten bedürftiger Kunden veruntreute, dafür ins Gefängnis ging und in den Medien als „moderner Robin Hood" bezeichnet wurde. Forschende wie Judith Klinger sehen solche Vergleiche mit heutigen Personen – bis hin zu politischen Guerillakämpfern – eher kritisch: Robin Hood und seine Merry Men verfolgen anders als etwa klar ideologisch positionierte Revolutionäre keine politischen Dogmen und sinnen an keiner Stelle auf einen Umsturz der Verhältnisse. Sie unterwandern die herrschende Ordnung eher subversiv, auch mit den Mitteln von Spott und Maskerade – ein Aspekt, der in der modernen Verklärung zum ethischen Helden oft zu kurz kommt.

Zeitleiste: Die wichtigsten Stationen der Robin-Hood-Überlieferung

  1. 1226: Ein „Robert Hod" (später „Hobbehod") wird in den Assize Rolls von York als Gesetzloser erfasst.
  2. 1265/66: Nach der Niederlage Simon de Montforts werden dessen Anhänger, die „Enterbten", zu Gesetzlosen erklärt – darunter mutmaßlich auch der historische Kern der späteren Legende.
  3. Um 1377: William Langland erwähnt in Piers Plowman erstmals literarisch die „Reime von Robin Hood".
  4. Um 1420: Andrew of Wyntoun verortet Robin Hood in seiner Chronik erstmals konkret im Jahr 1283 in Barnsdale.
  5. 1440–1447: Walter Bower beschreibt Robin Hood im Scotichronicon als berüchtigten Gesetzlosen.
  6. Um 1450: Die ältesten erhaltenen Balladen, Robin Hood and the Monk und die Gest of Robyn Hode, entstehen.
  7. 1598–1601: Anthony Munday macht Robin Hood in zwei Theaterstücken erstmals zum Earl of Huntingdon.
  8. 1819: Walter Scotts Roman Ivanhoe verknüpft Robin Hood dauerhaft mit Richard Löwenherz.

Was sagt die Forschung heute?

Zusammengefasst zeigt sich: Es gibt keinen einzelnen, zweifelsfrei identifizierten historischen Robin Hood. Es gibt aber sehr wohl historische Spuren – Gerichtsakten, Ortsnamen, den sprunghaften Anstieg eines Beinamens im 13. Jahrhundert –, die zeigen, dass hinter der Legende eine reale gesellschaftliche Erfahrung mit Gesetzlosigkeit, Wäldern und Konflikten um Recht und Landbesitz steht. Ob es einen einzelnen „Ur-Robin-Hood" gab oder ob sich der Ruf mehrerer Gesetzloser im Lauf der Zeit zu einer einzigen Sagengestalt verdichtete, lässt sich nach heutigem Forschungsstand nicht abschließend klären.

Fazit

Robin Hood ist damit ein seltenes Beispiel dafür, wie eng Geschichte und Geschichten im Mittelalter miteinander verwoben sein konnten. Schon die mittelalterlichen Chronisten hielten ihn für real – nicht weil sie einen Beweis hatten, sondern weil die Erzählungen selbst ihm eine historische Präsenz verliehen, die lange gar nicht hinterfragt wurde. Genau das macht ihn bis heute so faszinierend: ein Mythos mit echten Wurzeln, dessen genaue Herkunft sich der Geschichtswissenschaft bis heute entzieht.

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